PM:Offener Brief BreMeKo

Aus Chaos Computer Club Bremen e.V. (CCCHB)
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Bremen. Der Chaos Computer Club Bremen e.V. (CCCHB) begrüßt die Initiative "BreMeKo" der Senatskanzlei und die Einrichtung eines Runden Tisches zur Medienkompetenz. Zum Entwurf des Eckpunktepapiers der BreMeKo nimmt der CCCHB in einem offenen Brief Stellung.

Für die weitere Arbeit des Runden Tisches schlägt der CCC Bremen etwa den Aufbau von Freifunk-Netzen zum freien Empfang von Internet in der Stadt vor oder den Ausbau der angedachten Medienakademien zu integrativen und kommunikativen Anziehungspunkten, die einen niedrigschwelligen Zugang zur Informations- und Kommunikationstechnologie bieten.

Doch üben die Vereinsmitglieder auch Kritik: "Die gegenwärtige Praxis der zentralen Sperren von Internet-Seiten widerspricht unserem Verständnis von Medienkompetenzförderung", so Sebastian Raible, Mitglied des CCC Bremen.
"Wenn Lehrerinnen und Lehrer im Unterricht auf Seiten wie YouTube und Facebook nicht zugreifen können, so ist eine Befassung mit aktuellen Entwicklungen wie in Nordafrika nicht möglich", so Raible weiter.
Medienkompetenz dürfe kein Elitenthema sein und nicht einseitig zur Förderung bestimmter Wirtschaftszweige genutzt werden. Weiter fordert die seit 2005 aktive Gruppe, die Medienarbeit auf bislang vernachlässigte Zielgruppen auszuweiten.

"Öffentlich geförderte und finanzierte Projekte müssen unter Freie Lizenzen gestellt werden", fordert Pressesprecher Alexander Noack, "der geplante Medienkompetenz-Atlas zum Beispiel sollte auf der Grundlage der freien 'Open Street Map' entstehen, statt auf dem kommerziellen 'Google Maps'".

Den vollständigen Text des Offenen Briefs finden Sie im Anhang oder als PDF.


Offener Brief des Chaos Computer Club Bremen e.V. zur Bremischen Medienkompetenz-Initiative (BreMeKo)

Der Chaos Computer Club Bremen e.V. begrüßt den Vorschlag im aktuell veröffentlichten Entwurf des Eckpunktepapiers zur Bremischen Medienkompetenz [1], auch zivilgesellschaftliche Akteure wie die Arbeitskreise gegen die Vorratsdatenspeicherung und gegen Internetsperren und Zensur sowie Chaos Computer Club in die Bemühungen um die Medienkompetenz im Land Bremen mit einzubeziehen.

Medienkompetenz

Der BreMeKo kommt im Land Bremen die schwierige Aufgabe zu, eine umfassende, konsensfähige Definition für den Begriff Medienkompetenz zu finden. Dabei gehen schon die Vorstellungen der beteiligten Arbeitsgruppen über gängige Definitionen hinaus.

Unser Verständnis von Medienkompetenz ergibt sich unmittelbar aus den Grundsätzen der Hackerethik [2]. Diese umfassen den kritischen, kreativen und unbeschwerten Umgang mit Technik. Mit dem heute erreichten Maß der Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologie eröffnen sich Möglichkeiten zur Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen Aspekten in einer Breite und in einer Form, die in der Vergangenheit ohne Beispiel sind.

Vorschläge

Für die Vermittlung von Medienkompetenz ist daher ein neues Denken erforderlich, zu dem auch die Vernetzung der verschiedenen Medienkompetenz-Akteure im Land Bremen durch die BreMeKo beiträgt.

Kommunikative und integrative Anziehungspunkte

Einrichtungen wie die vorgeschlagenen Medienakademien müssen dabei über den Tellerrand althergebrachter Konzepte wie dem des “PC-Arbeitsraums” hinaus blicken. Stattdessen müssen kommunikative und integrative Anziehungspunkte konzipiert werden, mit denen der ubiquitären Nutzungsweise von Netz und Technologie Rechnung getragen wird.

Internetcafés mit offenem WLAN und der Möglichkeit, Laptops oder Tablets auszuleihen, bilden niedrigschwellige Angebote zur Medienkompetenzbildung. Entwicklungen wie beispielsweise große, in Tische eingelassene Multitouch-Displays bieten gleichzeitig eine intuitive Schnittstelle, sind robust und kommunikativ. Ist so erst ein Mal die Aufmerksamkeit geweckt, sind weiterführende Angebote der Bremer Bildungsträger vorhanden, die zielgruppengerecht und spezialisiert Aspekte der Medienkompetenz und den Umgang mit Informationstechnologie vermitteln.

Verringerung der Digitalen Spaltung

Der Aufbau/die Unterstützung des Aufbaus von Freifunk-Netzen eröffnet den chancengleichen Zugang zum Internet. Projektideen wie diese dienen der Verringerung der Digitalen Spaltung (digital divide) der Gesellschaft. Eine Sammlung solcher und ähnlicher Projektideen sind erst vor kurzem in einem frei verfügbaren Buch erschienen: Freiheit vor Ort (2011, Open Source Press, München) [3].

Zielgruppen

Die weitere Ausarbeitung eines Bremer Medienkompetenz-Eckpunktepapiers muss stärker als bisher auf alle genannten Zielgruppen ausgerichtet werden. Viele Angebote richten sich an Kinder und Jugendliche, oftmals im Kontext von Kindergarten und Schule. Konkrete Konzepte für Erwachsene, insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund, geringer formaler Bildung sowie Seniorinnen und Senioren fehlen nach wie vor. Gerade für diesen Bereich halten wir die Einrichtung der oben beschriebenen Medienakademien für sinnvoll.

Wirtschaftsförderung

Des Weiteren möchten wir entschieden klarstellen, dass ein allgemeines Eckpunktepapier zur Förderung der Medienkompetenz im Land Bremen nicht die Plattform für Forderungen nach einer einseitigen Wirtschaftsförderung in Richtung der Medienberufe bieten darf. Der Medienkompetenz kommt eine breitere, über die Wirtschaft hinausgehende, Bedeutung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in der Zukunft zu.

Internet-Sperren an Bremer Schulen

Es ist für einen störungsfreien Unterricht und konzentriertes Arbeiten der Schülerinnen und Schüler notwendig, den Zugang zum Internet einschränken zu können. Dafür würde es ausreichen, Lehrkräften die Möglichkeit an die Hand zu geben, die Internetverbindung im Fachraum aus- und wieder anschalten zu können.

Das praktizierte “Ampel-Modell” mit zentralen Sperren, schulweiten Sperren und frei zugänglichen Webseiten halten wir für unvereinbar mit unserem Verständnis der Förderung von Medienkompetenz:

Die jetzt praktizierte Ausblendung bestimmter Webseiten erfolgen nach nicht-transparenten Kriterien, ohne Mitspracherechte der betroffenen Lehrkräfte, Vertreter der Schüler- oder Elternschaft und auf inkonsequente Weise: Nach unserer Kenntnis ist beispielsweise das beliebte Soziale Netzwerk “Facebook” nicht von einer Sperrung betroffen. Dagegen ist das Video-Portal “YouTube” landesweit an Schulen gesperrt. Dabei haben beide für die unabhängige Berichterstattung über Proteste in autoritäten Staaten mehrfach eine entscheidende Rolle gespielt. Ein Unterricht anhand aktuellster Entwicklungen – so zum Beispiel derer in Nordafrika und im Iran – ist so nicht oder nur eingeschränkt möglich.

Wir lehnen Sperren und Wortfilter in der derzeitigen Form entschieden ab und fordern im Gegenteil, gerade im kontrollierten Rahmen des Schulunterrichts pädagogische Chancen zu nutzen, um junge Menschen auf mögliche Gefährdungen vorzubereiten und zu selbstständigen, kritischen Menschen zu erziehen. Gerade deshalb ist es auch wichtig, insbesondere politische und kritische Inhalte nicht auszublenden.

Sollten sich die Beteiligten mehrheitlich und nach ausführlicher Diskussion dennoch für Web-Sperren entscheiden, so ist eine einheitliche und transparente Vorgehensweise zu entwickeln, bei der die betroffenen Schülerinnen und Schüler oder deren Eltern ein Mitbestimmungsrecht erhalten. In jedem Fall müssten die jeweiligen Lehrerinnen und Lehrer über den Einsatz der Sperren für den jeweiligen Unterricht selbst entscheiden können. Ein Ausgangspunkt für die technische Umsetzung könnte die schulübergreifende “Admin-AG” sein.

Freie Software und Freie Inhalte

Einen Teil der Medienkompetenz machte schon immer aus, an der Schaffung medialer Inhalte mitwirken zu können und über deren Zustandekommen Bescheid zu wissen.

Übertragen auf die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) muss dies auch die Möglichkeit umfassen, das Zustandekommen dieser Technologien zu begreifen. Dies kann nach unserem Dafürhalten nur durch die Förderung und Verwendung Freier Software und Freier Inhalte im Unterricht geschehen.

Nur mit Freier Software ist es möglich, die der IKT zugrundeliegende Technologie in ihre Bestandteile zu zerlegen, sie zu erweitern und so selbst an ihrer Gestaltung teilzuhaben. Ein spielerischer Umgang mit Technik ermöglicht auch einen vorurteilsfreien, kritischen und kreativen Umgang damit.

In pädagogischen Zusammenhängen muss die Nutzung von Inhalten frei sein. In der Wissenschaftlichen Forschung und Lehre muss auf OpenAccess und freie Lizenzen gesetzt werden. Nicht-gewerbliche Publikationen müssen Rechtssicherheit erlangen; kulturellen Errungenschaften wie der Remix- und der jüngeren Mash Up-Kultur muss Rechnung getragen werden.

Für den geplanten Medienkompetenz-Atlas ist eine Verwendung des freien Kartenmaterials des Projekts OpenStreetMap [4] an Stelle des urheberrechtlich eingeschränkten “Google Maps” vorzuziehen.

Die Einrichtung des Runden Tisches Medienkompetenz in Bremen ist ein richtiger Schritt. Er kann als Institution die Koordination der verschiedenen Akteure in den kommenden Jahren unmittelbar übernehmen, insofern begrüßen wir seine Fortführung.


Die wichtigste Voraussetzung zur Erlangung von Kompetenzen ist die Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung. Sie sollte das wichtigste Ziel jeder Bildungspolitik sein.

Über den Chaos Computer Club Bremen e.V.

Als gemeinnütziger Verein fördert der Chaos Computer Club Bremen e.V. (CCC Bremen) auf verschiedene Weise die Bildung auf dem Gebiet der Informationstechnologien, des Informationsrechts und verwandten Themen. In Vortrags- und Workshop-Veranstaltungen, mit Infoständen und nicht zuletzt bei unseren regelmäßigen offenen Treffen vermitteln und diskutieren wir einen kritischen Blick auf Technologie und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen.

Seit Ende 2005 treffen sich bei uns Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Berufsgruppen aus Interesse an Technologie und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Der CCC Bremen ist ERFA-Kreis des CCC e.V.

Mehr Informationen erhalten Sie auf unserer Website: http://ccchb.de/

Ihre Presse-Ansprechpartner: Alexander Noack und Sebastian Raible (E-Mail: presse at ccchb.de, gern auch telefonisch (im PDF))

[0] http://ccchb.de/

[1] http://www.medienkompetenz.bremen.de/sixcms/media.php/13/20110330%20Eckpunktepapier%20BreMeKo%20Vers.%201.pdf

[2] http://www.ccc.de/hackerethics

[3] http://www.freienetze.at/index.php?option=com_content&task=view&id=80&Itemid=41

[4] http://www.openstreetmap.org/